„Plötzlich ein Sorgenkind“ – Achtung Spiegel!

Plötzlich ein Sorgenkind: Aus dem Leben einer aufmerksamkeitsgestörten Familie
Anonyma

Schon mit den ersten Seiten des Buches war klar, das lege ich so schnell nicht aus der Hand. Tatsächlich zum Mitfühlen formuliert. So begleitete ich mal das „Sorgenkind“ Lenja, mal die Mutter selbst, mal die kleine Schwester und mal den Vater / Ehemann durch die Wirren der Unerträglichkeiten und badete mit ihnen vorübergehend in dem Meer der Demütigungen. Demütigungen, die nur entstehen, wenn Kinder (und deren Familie) als Symptomträger des Systems in den Diagnostik- und Reparaturapparat geschickt werden.
Das Buch lebt von Lenjas Unglück. Könnte man meinen. Ob aber Lenja nicht mit der Lehrerin klar kommt oder die Lehrerin nicht mit ihr, ob es doch eher die Mutter ist, die die Wirkung dieser toxischen Beziehung auf die Tochter nicht aushält und welche Rolle dem Vater zukommt, der sich nicht einbinden lässt in die Aktionen wider die Ohnmacht und die Teilhabe an Diagnosefindung und Therapieversuchen verweigert: Urteile zu dem Geschehen obliegen ganz allein dem Leser oder der Leserin. Sie ziehen in jedem Fall ein Ticket in ihr privates Kopfkino. Z.B. dann, wenn der kaum stillbare Wunsch deutlich wird, es möge doch bitte einen Schuldigen geben. Die Schule vielleicht oder die Ärzte, die Lehrer, die Erzieher, die Wirtschaft, der Lebensstil, die Gesellschaft oder wenigstens eine Krankheit (wie hier: ADS). Und wenn das Bedürfnis aufkommt, mindestens ein anerkannter Experte möge doch bitte die Entscheidungen der Leidtragenden gut heißen. Oder wenn die Macht der Verantwortung ungleich verteilt scheint, und jeder beteiligte Erwachsene versucht, sie an jemandem anderen zu delegieren.
Anonymas Ringen um die Antwort auf die Frage; „Um was geht es eigentlich?“ ist ein Dokument des Zeitgeistes, der Diagnostik- und Therapieindustrie, der Funktionalisierung von Kindern in Schule, Kindergärten und Familie, für die Haltung und auch oft die Orientierungslosigkeit der Erwachsenen im Umgang mit der individuellen Persönlichkeit der Kinder. Ich bin fasziniert von der Offenheit der Mutter, von ihrem Weg der Gegenwartsbewältigung ihrer Familie zwischen deren Vergangenheiten und Zukunft.

Eines sollte Anonyma heute sicher wissen: Lenja ist eindeutig das schwächste Glied in der Hierarchie von Staat, Schule, Medizin, Eltern, Kind. Wen das nicht zum Nachdenken anhält…
Aufschlussreich vor allem für in dem System befindliche Eltern, Lehrer, Erzieher, Ärzte, Therapeuten, etc…

Unbedingt lesen – und darin den Spiegel für die jeweils eigene Haltung (Geschichte) nicht übersehen.

Aus der Leseprobe:

Deine Kinder sind nicht Deine Kinder…

Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele
wohnt im Haus von morgen, das Du
nicht besuchen kannst, nicht einmal
in Deinen Träumen.
Khalil Gibran,
Der Prophet

Plötzlich ein Sorgenkind: Aus dem Leben einer aufmerksamkeitsgestörten Familie
Anonyma

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (23. September 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3421045747
  • ISBN-13: 978-3421045744

PS: Ich selbst weiß, wie gut das Schreiben tut. Wie viel habe ich im Laufe meines Lebens via Schreiben verarbeitet. So viel begriffen. Mit wie vielen Ereignissen und deren Wirkungen fand ich meinen Frieden via Schreiben.  Ich wünsche Anonyma und Lenja, ihrer Schwester und dem Vater (und Mann), dass ein wenig Frieden eingekehrt ist – und alle (etwas mehr) die sein dürfen, die sie sind.

~ von ullakeienburg - 11. Dezember 2013.

8 Antworten to “„Plötzlich ein Sorgenkind“ – Achtung Spiegel!”

  1. Hat dies auf Ulla Keienburg s Blog rebloggt.

  2. Inzwischen gibt es einen Offenen Brief an Anonyma! Danke an Ulrike Sennhenn! http://place2grow.de/offener-brief-an-die-autorin-von-ploetzlich-ein-sorgenkind/

  3. […] Eine lesenswerte Rezension ist bereits von Ulla Keienburg veröffentlicht worden: Plötzlich ein Sorgenkind – Achtung Spiegel! […]

  4. Danke für den Tipp.
    Ja, man könnte heute eigentlich sein Kind, direkt nach der Geburt der Hebamme abgeben (zum Baden). Die gibt es dem Kinderarzt (U1). Der findet Defizite und gibt es gleich weiter an Ergo-/und Physio (bin selber ein, darf also drauf schimpfen :)).
    Wegen der doppelten Berufstätigkeit, kann eigentlich gleich der Hort und dann die Kita übernehmen. Die sich nahtlos ablösen lassen, von Ganztags-Kindergarten und schulischer Nachmitagsbetreuung.
    Die weiterführende Schule entscheiden, zumindest in Bayern, mittlerweiler ganz die Lehrer. Da hat man also auch frei.
    Wenn man Glück hat, kann man am Ende einen frisch gebackenen Abiturienten in Empfang nehmen. Dem man das Studium (irgendwo) ermöglicht. Wenn es ungünstiger ist, einen Hauptschüler. Der kaum berufliche Perspektiven hat. Wenn das Klischee stimmt übernimmt dann die JVA.
    Schöne, traurige Kinderwelt.
    Da gibts nicht einen Schuldigen! Da müssen alle mithelfen. Die Kinder ausgenommen, die müssen unsere Wegfindung aushalten.

  5. Das werde ich auf jeden Fall lesen, interessiert mich auch, denn leider haben wir ähnliche Erfahrungen machen müssen. Ich hab meine Sorgen damals in einem Forum gut verarbeiten können, von der Schule bzw. von den Lehrern bin ich sehr enttäuscht wurden . Auch von der medizinischen Seite gab es viele Probleme, bis wir dann endlich einen Arzt fanden, der unser Kind gut betreut hat.

    Ich hab damals auch viel gebloggt über unsere Geschichte, das hat mir auch sehr geholfen mit allem klar zu kommen.

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