Peter Vandecar – der schafetreibende Volvodealer

Das erste mal begegnete ich Peter im September 2008. Die Suche nach einem Wagen hat uns ihn über den Weg geschickt. Den alten Mann, der nur alte Volvos verkauft. Aus Prinzip. Von denen hat er noch mehr. Und sein Hobby scheinen Volvos auch zu sein. Naja: Während er uns so miteinander sprechen hörte, registrierte er schnell, dass wir keine Eingeborenen, keine Native Speaker aus den Staaten sind. Hellwach war er in diesem Moment und begann zu erzählen: Seine Mutter war Deutsche, übersetzte zu Kriegszeiten technische Gebrauchsanweisungen für die Chemiebranche. Er hütet daheim noch Briefe, die mit dem Zeppelin in den Staaten landeten. Er will sie aber nicht lesen – und schon mal gar nicht verstehen. Er fürchtet, seine Mutter könnte eine Sympathisantin der Nazis gewesen sein.
Irgendwann fragte er mich, ob ich den Namen Göring kenne. Sehr erstaunt fragte ich ihn, ob er auch ein schöneres Kapitel unserer deutschen Geschichte habe, auf dass er sich zum Auftakt eines Gespräches beziehen könnte. Er lenkte aber sofort ein. Er war Nachbar der Großnichte dieses Kriegsverbrechers Göring. Ist mit ihr befreundet – auch über die Meilen hinweg. Santa Fe war das Stichwort – und jedesmal, wenn er es vernahm bei den folgenden Gesprächen, schon plauderte er drauf los. Meine Neugier war geweckt.

Zu sprechen war er allerdings doch eher selten. Der Grund, warum mein Freund hier sein Auto erst vier Wochen nach Kaufzusage bekam: Er hat noch ein Vergnügen, dem er regelmäßig frönt. „Sheepdog-Trials“ – mir fiel dazu spontan nichts ein. Er schrieb mir eine URL auf einen Zettel. Schreiben war einfacher: er hört schlecht und ich verstehe ich nicht immer. Der Hundetrainer mit auch holländischen Wurzeln tummelt sich den ganzen Sommer auf solchen „Sheepdog-Trials“- auf denen Menschen sich gemeinsam mit ihren Hunden im Schafehüten messen. Ich kannte bis dato nur Schweinchen Babe. Und als ich schüchtern dessen Namen erwähnte, brach er in Begeisterungsstürme aus. Der Film hatte wohl ganze Arbeit geleistet.
Eine Einladung zu seinem persönlich ausgerichteten Contest ließ nicht lange auf sich warten. Dass ich in meinem Urlaub, oder auch Leben, mal in Altamont, NY an einem komplett verregneten Tag bei dem Event Züchtern, Schafen und Hunden beim gemeinsamen Treiben zuschauen sollte, hatte was. Bewaffnet mit meiner Kamera trollten wir durch nasse Wiesen. Auch die Antwort auf die Frage, wozu diese Hunde eigentlich sonst noch so gut sind, fanden wir auf dem Parkplatz.
Zwar zuckten wir als Entenfreunde kurz – aber…

Auf der Rückfahrt noch eine Schildkröte vorm Überfahren gerettet, musste ein Burger gegen den Hunger dran glauben – und heißes, schwarzes Wasser mit Half&Half zum Aufwärmen. „Coffee“ nannten sie das Heißgetränk im „Homefront Cafe“ – dem inoffiziellen Kriegsmuseum gegenüber der Library im Zentrum Altamonts.
Und Frau Göring sollte ich dann auch noch kennen lernen – wenn auch erst später.

Woodstock

Woodstock. Das Woodstock in New York State. Meine Jugend war bestimmt von Musik, Film und Geschichten über diesen legendären Ort. Als wir vor vier Wochen die Autobahn gen New York City unterwegs waren und das Hinweisschild „Woodstock / Saugerties“ erschien, bogen wir ungeplant ab. Da wollte ich schon immer mal sein. That`s what Sundays are for. Einfach gondeln. Anhalten, wenn einem danach zumute ist. So landeten wir in diesem sagenumwobenen Dorf. Die Zeit schien zurück gedreht. Jeder zweite Laden mutete wie ein Souverniershop aus den Siebzigern an: Batik T-Shirts mit Rockstars, von denen glaube ich keiner eines natürlichen Todes gestorben ist. Buddhas, Regenbogenflaggen, Räucherstäbchen- sogar Strampler mit Peacezeichen. Galerien mit esoterisch angehauchter Kunst. Mindestens drei Geschäfte auf der einkilometerlangen Hauptstraße durch das Centrum boten Gesundheitsschuhe an. Auf dem Marktplatz hockten Menschen mit Rucksäcken und Zelten. Im „Landau“- Restaurant stand ökologisch hergestellte Kartoffelsuppe auf der Karte. Nicht zu vergessen: Chicken Wings von freilaufenden Hühner. Kaum hatten wir uns zum Kaffee vor der „Whole Food“ Eisdiele niedergelassen, sprachen uns Einheimische an. „Übriggebliebene“ tauften wir sie. Eine Dame führte Kunststücke mit Kazoos vor, der nächste empfahl eine Wanderung in den umliegenden Bergen, in denen er seit vierzig Jahren herumstreife. Um den von ihm favorisierten Sonnenaufgang erleben und ein entsprechendes Bild schießen zu können – er hatte unsere Kameras gesehen – hätten wir um drei Uhr morgens aufbrechen müssen.Viermal links, dreimal rechts, dann geradeaus und dann den Berg wieder runter stapfen müssen. Vorsicht gebot er beim Aufstieg an der elften Kreuzung – demonstrierte, wie er aus eigener Spucke Blasen produzieren kann. Ahhhhhhhhhhhh ja! Innerlich den Kopf schüttelnd resümierten wir: Was so ein Festival aus einem machen kann.

Einfach da sitzen und schauen.
Wir sollten sie auch alle wieder sehen! So viele schräge Gestalten, scheinbar happy, während eines Kaffees in der Sonne zu entdecken – oder besser von ihnen entdeckt zu werden-, hatten wir uns nicht ausgemalt.

Es war sehr erhellend.

Gewürdigt wird hier auch an jeder Ecke jemand. Hundert Meter weiter dann entdeckten wir das Center for Photography. Der Fund des Tages. „Open“: Einladung genug, um die laufende Ausstellung noch zu sehen. Kunstwerke waren ausgestellt, die seit Jahren die Prospekte des Centrums als Deckblatt geschmückt hatten. In dem aktuellsten dieser Veranstaltungskalender fand ich auf der Rückfahrt den Hinweis auf den Workshop mit Sam Abell. Aufgeregt entschloss ich, gleich am nächsten Tag anzufragen, ob sich wohl noch ein Platz, bestenfalls zwei, darin frei sind. Immer nach dem Motto: Sprechenden Menschen kann geholfen werden, lautete die Antwort: „Yes! You wonna sign in?“ Ja, ich wollte. Und unsere geplante Reise in den Wilden Westen verkürzte sich um zwei Tage – allerdings um zwei wichtige! Ich liebe es, die Freiheit zu haben, zugreifen zu können, wenn sich Chancen bieten. #Chancenfinderin 🙂 Life is good!

Wendy Ewald

woodstock juni 2010 net cpw

Kaum Luft geholt von der einen Begegnung, schon steht die nächste beeindruckende an. Wieder im CPW , diesmal „nur“ auf einen Sonntag Abend, begegne ich Wendy Ewald. Klar, ich habe vorher, brav wie ich bin, recherchiert. Ich wusste, dass sie seit 40 Jahren durch die Welt reist, mit Kindern zusammen arbeitet, mit Familien und Kommunen. Als Fotografin, als Lehrerin, als Künstlerin. Dass sie mit Indianern und Indern, in England und Tansania, in Kentucky und Dover, in den Niederlanden und Israel Projekte begleitet hat. Ihr sind Natives genau so vertraut wie Flüchtlingskinder, Migranten so wert wie alle Hautfarben.  Auch war herauszufinden, dass ihre Bilder in Stuttgart ausgestellt wurden – um die Jahrtausendwende. Warum sie in Deutschland kein Projekt gemacht hat bisher? Das weiß ich bis jetzt noch nicht. Sie hat mich eingeladen. Ich werde noch mehr von ihr hören und sehen als bei dem Vortrag, dem ich gelauscht habe und dessen Bilder mich umgehauen haben – nicht weil sie fotografisch so brilliant waren – sondern weil sie die Aufnahmen der Kinder sind: Die Aufnahmen einer Wirklichkeit, die mit einem romantisierenden Bild der „schönen Kindheit“ nichts zu tun haben. Wendy Ewald arbeitet gemeinsam mit den Kindern: Ihre Wirklichkeiten, Träume, die guten und die bösen, lässt sie die Kinder in deren Umfeld, ihren Familien mit der Kamera abbilden und macht ihnen Mut, sich so auszudrücken.

Mehr über den besonderen Weg der Wendy Ewald gern, wenn ich sie getroffen habe.

Sam Abell – The Next Step

Lectures
Sam Abells besonderer Blick auf die Welt hat mich schon lange fasziniert, gerührt. Unlängst ergab sich die Möglichkeit, an einem seiner Workshops teilzunehmen. Diese Chance habe ich genutzt. Mit Erfolg! Selten habe ich so gerührt, gestärkt, erstaunt und klar die nächsten Schritte vor mir gesehen wie nach diesen zwei Tagen. Awesome! 🙂

Ich habe Sam Abell den Caspar David Friedrich der Fotografie getauft. Er arbeitet mit Schichten: Backlayer, Expression, Gesture – fotografiert meistens mit der 35 mm – Linse. Und auf seinen Bildern ist immer Leben – die Stilleben „atmen“ und seine Aufnahmen von Chaos haben „Ruhe“. Er hat Geduld!

Vielschichtigkeit und Komplexität faszinieren mich eh – und ich lauschte gern den Entstehungsgeschichten seiner Bilder. Er ist in seinen Szenen. „Involvement“ nennt er das. Er ist einfach so – involviert, präzise, herzlich, gedankenvoll, wach, aufmerksam, respektvoll.

I am deeply grateful for this experience!

Sie lassen nicht locker!

Sie posten so lange den ersten von ihnen vorgeschlagenen Post, bis ich ihn geändert habe.
Mehr als ein herzliches Hallo allerdings habe ich heute nicht zu schreiben.

Vielleicht doch:

Das Bild im Header ist eines meines Heimathafens. Dort befinden sich Office und Wohnsitz – mein Zuhause. Hamburg – meine Perle. Das Haupnest meiner Kleinfamilie.

Von hier aus toure ich durch die Welt – und erlebe sie: als Touristin, Counselor, Frau, Mutter, Freundin, Journalistin, Autorin oder Fotografin. Als Ulla begegne ich spannenden Menschen in faszinierenden Gegenden, lerne mit Weisen und bin im Dialog mit Suchenden, halte die Eindrücke mitunter fest – in Bild und Wort – wohl wissend, dass kein Foto und kein Text die Tiefe, die Komplexität und die Emotionen des Erlebens wirklich wiedergeben kann.

Welcome to my reality!

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