Aufwindige Angelegenheiten

ulla beim groundhandling 2001

Almunecar 2001 Ulla beim Groundhandling

Ich suchte ein paar Tage lang nach meinem Ipod – vergeblich, wie sich herausstellte.

Gefunden habe ich aber andere Relikte – aus „alten“ Zeiten. Die unnützen habe ich entsorgt,  mit den anderen betrieb ich ein wenig Vergangenheitsbewältigung. Ich fand eine CD mit pixeligen Fotos aus dem Jahre 2001 – den Zeiten, in denen ich noch per Gleitschirm abzuheben versuchte und heile zu landen. Ein letztes Foto gemeinsam mit meinem Fluglehrer Davor, der sich kurz darauf ins Koma flog. Erschütternde Erinnerungen. Und auch gute. Immerhin habe ich die Sonderpilotenlizenz „gemacht“. Ich habe Gegenden Afrikas von oben gesehen, habe Casteluccio, Almunecar und Norma erkundet, Ramsau, Planai, Dachstein und Bregenz. Das Flugbuch besitze ich  noch.  An meinem Geburtstag 2005 genoss ich in vollen Zügen den schönsten Flug meines Lebens- in Iten, Kenia an der Abbruchkante des Rift Valley. Fluglehrer Elmar nahm mich, auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin, via Funkverbindung „an die Hand“. Mein Spitzname: „Sprich mit mir!“ Warum?  Mein 13. Flug während der Ausbildung war ein Disaster. Endete auf dem Dach des Rechtsanwalts von Schladming. Ich heile – aber schwer geschockt – war „Opfer“ eines ungenau eingstellten Funkgerätes, das den Kontakt (nur) auf den Abstand von 50 m (fünfzig) zwischen den Funkgeräten gewährleistete. Bis wir das herausgefunden hatten, gab es eine Menge Streit. Als Kindergartenkind in Sachen Freiflug nicht optimal – um es mal nett zu sagen.  Ich bin trotzdem wieder gestartet –  habe aber nie die Leichtigkeit zurück bekommen, mit  der ich angefangen hatte.

Es erfüllte mich schon mit Stolz, den vielen Leinen Frau geworden zu sein. Nach dem ersten Abheben am Übungshang der Flugschule Ramsau  glaubte ich zu wissen, wie Sucht entsteht. Unvergesslich: die unendlichen Stunden, in denen ich mich mit Wetterkunde, Geräte – und Flugtechnik befasste, die Prüfungen. Dank an Anna, Franz, Karen, Erwin, Peter, den fliegenden Pizzabäcker, Josie, und vielen Anderen der Flugschule Aufwind.  Auch an Ralf, der wirkte, als habe man ihn schon mit dem Gleitschirm  gewickelt und der heute eine eigene Fluschule betreibt:(Airstetik). Auch an all die Menschen, mit denen ich zusammen lernte, übte, fluchte, nach Wind suchte oder vor zu viel desselben flüchtete. Geduld und Demut lernte ich in der Zeit noch ausführlicher, als ich es je gewollt hätte. Und meine Schweinehunde haben seither Namen. 🙂  Während der ersten Woche – wir schleppten die Schirme und Gurtzeug zu Fuß den Berg hoch – trug ich gern das T- Shirt mit der Aufschrift: „What am I doing here?“  Das Ziel: der erste Freiflug. Den musste ich mir, wie alle anderen, hart erschleppen.

Einer meiner Lieblingssongs aus der Zeit 😉

Mit diesem ersten Freiflug wusste ich, was mich dort in der Luft erwartet, unter dem Schirm, in meinem Gurtzeug. Eine neue Stille, begleitet von Geräuschen des Windes, der durch die Leinen pfiff, ab und zu eine Anweisung durch den Kopfhörer, das Piepen des Höhenmessers, der sicht – und hörbar auf dem Knie befestigt war. Ansonsten war ich mit mir allein, wach, aufmerksam, neugierig. Nicht nur einmal habe ich in die Innenpolster meines Helms geweint wegen des überwältigenden Gefühls, das mich ereilte: tief gerührt und stolz. Wie eine Belohnung für all die Anstrengungen zuvor. Die Anspannung stieg mit der Vorbereitung auf die Landung.Oder wenn der Wind dich nicht einfach so hinabließ. Fühlen konnte ich auch die Bedeutung des Wortes Aufwind: Ansporn, Aufschwung, Ermutigung, Mut, Schwung, Antrieb, Auftrieb – alles Begriffe, die als Synonyme für „Aufwind“ genutzt werden.

Die Entscheidung, nach dem schönsten Flug meines Lebens wieder zu starten, nahm mir meine Gesundheit ab. Ich hänge doch mehr an meinem Leben als am Schirm. Fast vier Jahre hat der nova- x- act auf meinem Dachhboden gelegen, und immer wieder kam die Frage auf: Vielleicht doch noch mal…? NEIN. Stand dann 2009 fest. Prompt erinnerte ich mich daran, dass Greenpeace den gebrauchen könnte. Es dauerte nicht lange, bis einer vor der Tür stand und die Spende hoch erfreut entgegen zu nehmen. Der Abschied tat weh, war es ja nicht nur der Schirm sondern ging einher mit der Einsicht, dass ich für dieses Unterfangen nicht (mehr) geschaffen bin. Was einst als wirklich heilend begonnen hatte (ich hatte mit dem ersten Mitflug eine posttraumatische Schlaflosigkeit nach meinem Autounfall überwunden), entpuppte sich am Ende als zu wenig für mich einschätzbaren (wenn auch mitunter positiver) Stress. Mein Körper bescherte mir als Reaktion auf solchen 2005 auch Fluguntauglichkeit. Tja… Auf meinem Lebensabschnittsgefährt Volvo klebt noch immer das Reklameschild für die Flugschule Aufwind, kaum mehr sichtbar für andere – aber für mich immer noch eine Erinnerung an die Zeit, in der ich gefühlt über mich hinausgewachsen bin.

Pict2269

Ulla – Waiting for the Wind , Casteluccio 2003

Gleitschirmfliegen ist toll – und ich kann es jedem raten, der seine Grenzen mal anders austesten will oder eine ausgiebige Nachhilfestunden in Sachen Demut und Geduld braucht. 🙂 Mir half es auch, den Begriff „Freiheit“ für mich neu zu definieren. 🙂

Heute morgen habe ich mir noch mal einen Filme und Fotos von den Paraglidingreisen angesehen. Ich bin ordentlich herum gekommen, habe unfassbar beeindruckende Natur erlebt und gesehen. Im Leben wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dort jemals hinzukommen. Geschweige denn, dass ich von ihnen gewusst hätte.

Die Neugier auf die Ferne ist geblieben. Inzwischen folge ich ihr per Schiff und Flugzeug, per Metro oder Auto, per Trolley – oder Überlandbus, Bahn oder zu Fuß. Und ich habe so immer mindestens eine Hand frei – für meine Kamera.

~ von Ulla Keienburg - 21. Januar 2013.

Eine Antwort to “Aufwindige Angelegenheiten”

  1. Reblogged this on Ministerium für Reiseangelegenheiten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: