Du sollst Dir kein Bildnis machen!

20131226_152125Beim Spaziergang erzählte eine Freundin folgendes Ereignis (mit der Ansage: Ulla, das ist wieder ein Geschichte für Dich!)
Eine ihr bekannte Zweijährige sei – laut Mutter – im Kindergarten einem „Check“ unterzogen worden. Das Ergebnis wurde in folgende Worte gehüllt: „Das wird aber mal Probleme in der Schule geben. Sie kann sich ganz schlecht unter- oder einordnen!“ Die beunruhigte Mutter war entsetzt – zum einen darüber, dass Kinder schon so früh getestet werden – zum Zweiten über die „Prognosen“, die auf der Basis dieser „Ergebnisse“ abgesondert wurden. Und sie befürchtet, diesem System nicht mehr zu entkommen.

Da hat die Freundin recht: DAS ist eine Geschichte für mich. Zum Aufregen, Unverständnis äußern. Mir an den Kopf fassen.
Just gestern hatte ich die Geschichte von Max Frisch aus „Stiller“ wieder herausgesucht. Passt ja – denke ich und lächele.

Du sollst dir kein Bildnis machen

„Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt – Nur die Liebe erträgt ihn so. Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal, damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei – Es ist ohnehin schon wenig genug.

Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedes mal. Aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen.  Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.

„Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte, „wofür ich Dich gehalten habe.“ Und wofür hat man sich denn gehalten?

Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat. weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.

Man hat darauf hingewiesen, das Wunder jeder Prophetie erkläre sich teilweise schon daraus, dass das Künftige, wie es in den Worten eines Propheten erahnt scheint und als Bildnis entworfen wird, am Ende durch eben dieses Bildnis verursacht, vorbereitet, ermöglicht oder mindestens befördert worden ist -Unfug der Kartenleserei.

Urteile über unsere Handschrift. Orakel bei den alten Griechen. Wenn wir es so sehen, entkleiden wir die Prophetie wirklich ihres Wunders? Es bleibt noch immer das Wunder des Wortes, das Geschichte macht: –  „Im Anfang war das Wort.“

Kassandra, die Ahnungsvolle, die scheinbar Warnende und nutzlos Warnende, ist sie immer ganz unschuldig an dem Unheil, das sie vorausklagt? Dessen Bildnis sie entwirft. Irgendeine fixe Meinung unsrer Freunde, unsrer Eltern, unsrer Erzieher, auch sie lastet auf manchem wie ein altes Orakel. Ein halbes Leben steht unter der heimlichen Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht. Mindestens die Frage ist uns auf die Stirne gebrannt, und man wird ein Orakel nicht los, bis man es zur Erfüllung bringt. Dabei muss es sich durchaus nicht im geraden Sinn erfüllen; auch im Widerspruch zeigt sich der Einfluss, darin, dass man so nicht sein will, wie der andere uns einschätzt. Man wird das Gegenteil, aber man wird es durch den andern.

Eine Lehrerin sagte einmal zu meiner Mutter, niemals in ihrem Leben werde sie stricken lernen. Meine Mutter erzählte uns Ausspruch sehr oft; sie hat ihn nie vergessen, nie verziehen; sie ist eine leidenschaftliche und ungewöhnliche Strickerin geworden, und alle die Strümpfe und Mützen, die Handschuhe, die Pullover, die ich jemals bekommen habe, am Ende verdanke ich sie allein jenem ärgerlichen Orakel! …

In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die andern in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! Auch wir sind die Verfasser der andern; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt. Wir wünschen ihm, dass er sich wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern!

Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln. Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unsres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer –. (……) (……)

Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es, von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen – Ausgenommen wenn wir lieben.“

Max Frisch: Tagebuch 1946-1949 (Suhrkamp Taschenbuch 1148), Frankfurt: Suhrkamp 1985, S. 27-32

~ von Ulla Keienburg - 26. Dezember 2013.

13 Antworten to “Du sollst Dir kein Bildnis machen!”

  1. Viel Freude damit! You`re welcome! 🙂

  2. danke für den Besuch, ich komme morgen vorbei, um deinen Beitrag und das zitierte Tagebuch in aller Ruhe zu lesen. Gute Nacht. Ernst

  3. Hat dies auf Ulla Keienburg s Blog rebloggt und kommentierte:

    Das bleibt wohl aktuell, ob mir das gefällt oder nicht. 🙂

  4. Allein schon, dass sie so genannt werden.. diese Gespräch e

  5. Ja, das ist wirklich so. Man kann da nur versuchen, standhaft zu bleiben und sich nicht verunsichern zu lassen. Aber das ist bestimmt nicht immer einfach … ich kenne genug Eltern, die erstmal völlig durch den Wind sind nach Entwicklungsgesprächen und ähnlichem …

  6. für mich bliebt die Frage, wieso Eltern sich so verunsichern lassen…. in dem Buch “ Plötzlich ein Sorgenkind“ mehr als deutlich nachzulesen, welchen Anpassungsmechanismen das gesamte System Familie ausgesetzt ist- udn wei wenig Chuzpe Eltern haben, sich den „Bestimmern“ zu widersetzen. So werden mehr und mehr Kinder zu Symptomträgern (gemacht).

  7. da gebe ich JARG recht…hab einen schönen TAG morgen…….HERZlichst ANDREA:))

  8. Ach ja, die Tests. Da testete man weiland meinen damals etwa fünfeinhalbjährigen Sohn ein Jahr vor der Einschulung mit einem sterbenslangweiligen Motorik-Test, zu dem er keine Lust hatte (die Prüferin offenbar auch nicht) und auch nicht motiviert wurde, auf eben jene Motorik.
    Danach hiess es, Entwicklung normal aber die motorischen Fähigkeiten wären noch entwicklungsbedürftig. Dabei klettert das Kind stets wie ein Äffchen und entwickelte damals schon filigranste Klein-Lego-Modelle, gegenüber denen sich die Kreationen von Legodesignern ausgesprochen langweilig ausnehmen.
    Alles Müll, das ganze Geteste. Mach nur die Testentwickler, die Logopäden und die Kleinkindergymnastizisten reich … und verunsichert Eltern.

  9. Die Angst davor, dass die Verantwortung für die Kinder in „Schuldzuweisungen“ münden könnte, hält viele Eltern ab, ihre Kinder ernst zu nehmen, an sie und ihnen zu glauben, sie zu ermutigen und die Kinder das werden zu lassen, was sie sind… #leider

  10. Hat dies auf ReBlog! Hier findet sich alles was mir gefällt. Über "Kategorie" wirds dann übersichtlich 🙂 rebloggt.

  11. Ich wundere mich auch zunehmend über die gewachsene Kompetenz der Pädagogen, die mittlerweile auch Psychiater, Pädiater, Ergo-, Physiotherapeuten und Logopäden zu sein scheinen. Die Kinder definitiv besser, als ihre Eltern, kennen. Die Gabe quasi, als Orakel, die Zukunft eines Kindes zu kennen, scheint da inklusive. Leider wird zu viel Winterhoff und Spitzer gelesen und zu wenig Lago und Gordon.
    Dramatisch wird es dann bei uns in Bayern, wo Lehrer den gesamten, weiteren Schulweg bestimmen.
    Leider gibt es noch sehr wenige, gute Alternativen seine Kinder vor diesem System zu schützen. Außer Widersprechen wo nötig und das Kind unterstützen, wo immer sinnvoll.

  12. tja, die orakel….. wie menschen sich kaufen und dirigieren lassen, ist schon erschütternd…

  13. Ja, da könnte ich mich auch aufregen 😉 aber nicht über das Prozedere »Check«, sondern über die Eltern, die ihr Kind erst bereitwillig diesem Spezial-Element des Systems zum Fraß vorwerfen und hinterher auch noch Entrüstung heucheln, wenn das Ergebnis nicht ihren Vorstellungen entspricht… In Deutschland gibt es keinen legalen »Check«, Test, keine frühkindliche Begabungs-Prüfung, Einstufungs-Gutachten etc. ohne ausdrückliche vorherige schriftliche (!) Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten. Wird ein solches Prozedere ohne die Einverständniserklärung durchgeführt (was leider manchmal dank übergriffiger selbsternannter Experten der Fall ist), besitzt es keinerlei Rechtsverbindlichkeit und ist so gegenstandslos wie ein Alptraum von letztem Jahr.

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