„Takt ist die Fähigkeit, andere so zu beschreiben, wie sie sich selbst sehen.“ Abraham Lincoln



Welcome to my Reality!
Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke

Reykjavik 2010 – Der Himmel war grau. Ab und zu regnete es. In der Fußgängerzone tummelten sich vorwiegend Besucher der Stadt. Auf seine große Chance hoffte er wohl, als die mehr als zweitausend Touristen vom Schiff kamen, auch um ortsübliche Souvenirs zu finden. Als ich vor zwei Jahren das erste Mal in dieser Stadt war, hatte ich mich in sie eingelesen.
Kristof Magnussons Roman „Zuhause“ lieferte mir so starke Bilder, dass ich in einem der Cafes, in denen sich die Romanfiguren trafen, ebenfalls einen Milchkaffee trank. Ich hatte Appetit auf Lakritz umhüllt mit Schokolade. Die Autos hörte ich durch die enge Hauptstraße fahren. Wenn sie auch nicht den Stau verursachten, von dem er berichtet hatte. Björk trafen wir in einer Boutique. Die Enten fand ich auch. Auf dem großen Teich am Rathaus. Und es war hell – ganz lange hell.

Sogar farblich passend zueinander zeigen sich am dem Ort auch Möwen und Touristen.
`08 schlenderte ich im Norden durch die nach faulen Eiern riechenden Schwefelfelder, tollte am Mückensee entlang und hörte lustige Geschichten am Godafoss. Im letzten Jahr habe ich mich in der Blauen Lagune geaalt, die Geysire spucken sehen und am Gullfoss die Wassermassen herunter donnern. Gefühlte unendlich viele Kilometer in einem Bus unterwegs lauschte ich den Geschichten der eingewanderten Reiseleiterin über die große Pleite des Landes. Für den Euro bekamen wir das Doppelte an Kronen als im Jahr zuvor. Fühlte sich nicht gut an, wenn es auch für uns günstiger war. Und in diesem Jahr steckten in den Postkartenständern Fotos vom Eyjafjallajökull. Aschewolke als Konsumgut. Heiterer wirkten die Isländer schon als im letzten Jahr.

Die Hallgrimskirkja war `10 wieder ohne Gewand und der Bau des Opernhauses läuft weiter. Kopfschüttelnd nehmen viele Bewohner das hin. Den einen oder anderen zynischen Blick oder Kommentar haben sie schon parat.

Und als ich einen Enddreißger fragte, was seine Lehre aus der Pleite sei, antwortete er: „Ich habe drei Kinder – und die sollen jetzt in dem Bewusstsein aufwachsen, dass man Dinge erst dann kaufen soll, wenn man das Geld dafür hat.“ Vor der Pleite hehörten ihm mal 40% seines Hauses. Jetzt sind es gerade mal noch 10%.
Auf den Schiffen, die uns `08 und `09 dort hin brachten, las ich aus dem Buch „Elfe im Schlafsack“ von Wolfgang Müller vor. Diese Geschichten eignen sich großartig , wenn all die Eindrücke und Informationen, die einen auf der Reise durch dieses Land ereilen, einen wirklich originellen Kontext brauchen. Und wer sich dann noch zum Thema „Gender“ Gedanken machen möchte, kann hier erfahren, wie sich das Odinshühnchen seinen Job eingehandelt hat 🙂
Sollte sich jemand über diese Stadt und dieses (Is)Land anders als über einen Reiseführer schlau machen wollen: Für alle, die hin wollen oder die von da zurück kommen!
Wolfgang Müller: Neues von der Elfenfront: Die Wahrheit über Island
Wolfgang Müller: Die Elfe im Schlafsack
Rudolf Habringer: Die Islandpassion

Und jetzt feiere ich den „Tag des Kaffees“. Prost Latte!
Impressionen aus dem Sommer 2010.
Danke an Sabine van Baaren und Mark Joggerst für „Open your eyes“ – auf der CD „Remember who you are“
Wir lagen vor Qaqortoq und warteten auf die Freigabe des Schiffes. Die Wolken dienten noch Blindfahrten der kleinen Boote, mit denen die Grönländer ihren Alltag stemmen. Sie lassen sich nicht abhalten 🙂
Ich weiß nicht, warum – aber mir fällt gerade das „Vater unser“ ein. Mein Vater hat mir mal erzählt, dass er die Formulierung: „Führe uns nicht in Versuchung“ für eine falsche Übersetzung hält. Vielmehr solle es heißen: „Führe uns durch die Versuchung!“ Klingt irgendwie logischer – oder?

Bisher bin ich in diese Stadt gefahren, um einfach los zu laufen, zu erleben, stehen zu bleiben und schauen, egal welches Wetter mir/ uns sich bot. Diesmal war ich mit Freunden unterwegs, die das erste Mal diese Stadt besuchten. Auf dem Plan standen die Attraktionen empfohlen von Reiseführern und ADAC.

Eine sensationelle Entdeckung war das Hotel Super 8 in North Bergen. Wenn ich auch drei Tage zuvor mindestens eine Stunde am Telefon gehangen habe, um das zu reservieren. Hat sich gelohnt. Das Auto steht dort kostenfrei während des Aufenthaltes. Eine echte Errungenschaft, wenn man die „Special Price“ Angebote für das Parken in Manhattan bedenkt. Direkt am Lincoln Tunnel auf der Seite NJ`s fährt vom Hotel ein Bus bis zum Bus Terminal in die 42 th/ Ecke 8th Ave- und das $ 2,50. NYC war heiß. Sticky Fluids tropften aus den Air Condition Anlagen der Stadt, Massen von Touristen wälzten sich durch die sommerheiße Innenstadt von Manhattan. Am liebsten hätte ich dreimal am Tag geduscht.


Mit dem Boot rund um Manhattan, mit der Stretchlimo von der 42th zum Union Square ( ist mit 5 Personen genau so teuer, als wenn man den Bus nimmt), zu Fuß von da aus zum Flat Iron Building.

Nach der Cruise dann zum Battery Park,
um die Miss Liberty noch mal bei einem gemütlichen Kaltgetränk bewundern, bevor es zum Down Zero ging. Inzwischen war der Hunger der Gäste auf Steak und Fast Food weitgehend gestillt- jetzt mussten Nudeln her. Sie hatten in Boston schon ein Lokal namens „vapiano“ entdeckt und das war auch auf der Tour mit der Limousine unvergesslich entdeckt worden. Also – am Abend dorthin. Es hatte erst im Juli 2010 eröffnet. Lucky us! Lecker, lecker und vor allem: Moderate Portionen und Preise!
Der nächste Tag dann Kultur: MOMA am Morgen, dann Spaziergang durch den Central Park, vom Columbus Circle aus mit zum Shopping – es ist so schön kühl in den Geschäften – und zum Sonnenuntergang dann pünktlich auf das Top of the Rock, um endlich mal in Ruhe alles von oben zu betrachten, was ansonsten laut, stickig und ungepflegt wirkte.
Bei wunderbarem Licht präsentierte sich die Stadt bei guter Sicht.

Wir waren gerade früh genug, um die Sonne noch zu erleben, bevor sie hinter dicken Wolken verschwand.
Und dann galt es, die Aufträge zu erledigen, die sie von Freunden aus Deutschland auf dem Zettel hatten. Ab in den M&M Shop an den Time Square. Ein Kaufhaus voller Merchandising Artikel. Ich musste da raus. Und als dann auch die richtige Kappe von den Yankees gefunden war, kam wieder Hunger auf. Im Zentrum des Tourismus einen Platz zum Essen zu finden – unmöglich.
Bis wir vor dem „B.B.King“ standen und kurz verweilten- schließlich war ich mit Bluesfans unterwegs- und das benachbarte Restaurant „Lucille“entdeckten. (benannt nach der Lieblingsgitarre von B.B. King), Wir ergatterten dort einen Platz und verspeisten bei Live Musik unsere Nachos und Chicken.



Unbelievable. Ein krönender Abschluss.
Am nächsten Mittag fuhr ich bereits wieder mit Zug von NYC gen Albany, NY und die anderen gen Newark, um von dort aus nach Frankfurt zu fliegen. „Gut, dass wir New York zum Schluss gemacht haben.“ Exciting but exhausting! .-)
Tatsächlich geschafft: Nachdem ich am Freitag heile angekommen war, habe ich erst einmal ausgeschlafen. Dann das große Ereignis: STING in Saratoga Springs Performance Art Center: Ohne Tickets angereist ergatterten wir Karten für die fünfte Reihe. 🙂 Sehr sehr günstig! Jemand musste sie wohl unbedingt zehn Minuten vor Konzertbeginn loswerden. Lucky us.
Opening: “ The Shape of my Heart“ – English Man in New York – bleibt einfach Renner. Vor allem in New York State. Und die positive Spannung blieb bis zur letzten Sekunde . Zwischendurch, wenn mir mal gerade nicht die Tränen in die Augen schossen, betitelte ich das schmunzelnd als Begeisterungsstress. Seine Musik begleitet mich schon so lange – schon zu Police- Zeiten konnte ich nicht weghören. Seither begeistert , beruhigt, erinnert und erbaut sie mich. Einfach ein „geiler Typ“, dieser yogatreibende Träger des britischen Ritterordens und Umweltaktivist.
Whenever I say your Name – unbedingt lauschen 🙂
Zusammen mit dem Royal Symp
hony Concert Orchestra… unschlagbar…
Gleich zweimal Nachwuchs bei SHIVAI- The Flower of Change
Die Pflanze heißt übrigens:
und wenn man an ihren Blättchen schnuppert, verfliegen zum Beispiel Kopfschmerzen im Nu, man fühlt sich einfach wohler. Quelle: Flower of Change Blog
„Any effort, that has selfglorification as it`s final endpoint, is bond to end in a disaster!“ aus: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten: Ein Versuch über Werte von Robert M. Piersig
Paradebeispiele:
BP und die Entscheider rund um die Loveparade Duisburg 2010:
Sie haben bewusst wertvolles Leben riskiert. Das empfinde ich als menschen – und lebensfeindlich. Mit dieser Gier hatte uns doch unlängst BP die Katastrophe beschert. Welche Lehren haben sie daraus gezogen? Wer wartet eigentlich wann und wie ethische Werte??????
Leere im Kopf- da ist Platz für alle Gedanken an die Opfer und das Geschehen – ein Raum, um gemeinsam die Ohnmacht auszuhalten.
Vielleicht könnte ich erklären oder verstehen, was da passiert ist. Ich kann es aber sehr, sehr schlecht AUSHALTEN!
Mein Mitgefühl gilt den Verstorbenen, deren Angehörigen und Freunden. Ansonsten: Die Ohnmacht dem gegenüber teile ich vermutlich mit vielen.
Am Ende: SPRACHLOS!
Kollegen von DWDL.de haben eher Worte gefunden: Die Geschichte einer zufälligen Recherche zur Tragödie
Gespräch mit meinem Vater
Als ich unlängst in NRW war, besuchte ich meinen Vater. Musste mal wieder mit ihm reden. Ihm mal wieder erzählen, was mich bewegt. Wenn ich auch sicher bin, dass ich seine Antwort woanders suchen und finden werde, als an dem Platz, an dem ich ihn aufsuchte. In der Abendsonne stand ich vor dem großen Naturstein, auf dem nur am Morgen, wenn die Sonne darauf fällt, deutlich zu lesen ist: „Gott hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ 2.Kor 5, 19
1986 hat er uns schon verlassen, ist eingeschlafen. Gerade mal 62 Jahre alt. Er hat sich am Tag zuvor noch versichert, dass es seinen Lieben, u.a. seiner Tochter und seinem ersten Enkel gut geht. Am nächsten Morgen war er schon da, wohin er sich gerufen fühlte. „Wenn der alte Herr mich da oben braucht, dann wird er mich schon holen“, hat er mal zu mir gesagt. Von großer Zuversicht war er meist – schon seines Berufes wegen. Auch wenn er schwer zu kämpfen hatte, um in seinen letzten Tagen noch wieder auf die eigenen Füße zu kommen. Da unterscheidet das Schicksal nicht zwischen Pfarrern und Nicht- Pfarrern. Ich war damals sauer auf ihn. Ich war erst 28 und hatte den Eindruck, dass wir nach Klärung klassischer Vater- Tochter -Dispute und Konflikte gerade hätten richtig loslegen können, hätten gemeinsam etwas auf die Beine stellen können. Dieser Abschied geht mir heute noch nach. Ich vermisse ihn noch immer, seinen- für viele unbequemen- Geist, seine Beweglichkeit im Herzen und im Hirn, sein Tempo, seine Anschauungen.
2005 lud mich eine befreundete Kollegin, mit der ich gerade an einem Buch arbeitete, nach Hiddensee ein. Wir residierten (besser kann ich es nicht sagen) in dem Haus der Familie Felsenstein. Abends lagen wir auf den Liegen unter dem Sternenhimmel und beobachteten Sternschnuppen. Irgendwann fragte Erika mich, was ich mir denn am meisten wünschte. Ich hörte mich selbst sehr spontan sagen:“Ich begegnete so gern noch mal meinem Vater.“ Schöner Wunsch, dachte ich selbst, registrierte für mich, dass ich mal wieder, noch immer sehr vermiss(t)e: Seine herausfordernden Gespräche und sogar die Streitereien und ganz einfach seine väterlichen Umarmungen und warmen Worte.
Am nächsten Tag schlenderten wir durch Kloster, passierten das Geburtshaus und den Grabstein von Palucca,
verweilten vor dem Grab von Gerhart Hauptmann, bevor wir die kleine Kirche enterten. Dank der kühlenden Luft in dem reich verzierten Kirchenschiff ließ ich mir mehr Zeit, als ich es normalerweise getan hätte. Kannte ich mich in Kirchenräumen doch aus. Schließlich war ich in solchen groß geworden.
Der letzte Blick fiel auf das „Nagelkreuz“. Wie ein Blitz durchfuhr es mich. Ich bekam Herzklopfen und wurde unruhig und konnte nicht glauben, was mich da überraschte. Mein Vater war Companion der Nagelkreuzgemeinschaft, der „Church of Reconciliation“ Coventry, GB. Ein entsprechender Geist wehte durch meinen, unseren Lebensraum, wo immer wir auch lebten. Noch tief beeindruckt versuchte ich Karten für das abends anstehende Konzert zu kaufen. Ausverkauft. So ein Mist. Abhalten lassen aber haben wir uns davon nicht. Platzierten uns auf der Wiese vor der Kirche. Deren Türen standen offen, weil es darin einfach zu warm war. Die vielen Menschen darin hatten all die kühle Luft schnell weg geatmet. So lauschten wir dem Chor und den Worten des Manfred Domrös von draußen. Gegen Ende, es wurde schon dunkel, hörte ich das Fürbittengebet der Nagelkreuzgemeinschaft. Als dann noch der „Mond ist aufgegangen“ angestimmt wurde, was es um mich geschehen. Keine 24 Stunden nach meinem geäußerten Wunsch, „begegnete“ ich „meinem Vater“, seinem Duktus, seinem Ansinnen.
Als ich mich nach dem Konzert bei dem Pfarrer vorstellte, wusste er sofort, wessen Tochter ich bin und berichtete umgehend, dass am Folgetage ein alter Freund auch meines Vaters seine Vertretung für vier Wochen übernehmen werde.
Ich war richtig durchgeschüttelt. Wenn ich also je in meinem Leben daran zweifeln sollte, dass meine Wurzeln stabil genug sind, um mich den Stürmen des Lebens auszusetzen ohne abzuknicken, dann fahre ich wieder dort hin – auf diese kleine, versöhnliche Insel Hiddensee! Intensivstation für die Seele! .-) Hier ist mir noch mal klar geworden, wie viele und welch starke Wurzeln mein Leben hat. Danke Erika! Danke Hiddensee! Dank an meinen Vater, dass er sich immer wieder zeigt.
Lissabon – La Corunja Frühjahr 2010 auf der AIDA luna
Als kleine Abkühlung kann das Bild schon dienen. Die Hitze hatte mich in mein Archiv getrieben. Nach Fotos von für mich kühlen Stimmungen suchte ich. Und fand eines, dass ich mir auch als Vorlage eines Rothko Bildes vorstellen könnte. Wenn es auch an dem Tag kühl und nass war – der Gedanke daran bereitet mir ein geradezu komfortables Gefühl.
Wie schön, dass sich unser Körper an alles erinnert!