Weather Report – Ausgerechnet Alaska (6) – Hurricane Turn Train

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Morgens um sechs Uhr ging der Wecker schon wieder. Wir hatten uns versprochen, erst nach dem Weckruf zu entscheiden, ob wir wirklich diese Reise mit dem Zug gen Norden machen wollen. Den Denali wollten wir sehen. Zehn Minuten später waren wir auf den Beinen, in der Küche wurde schon Kaffee gebrüht und Brote geschmiert. Ab Oktober gilt nämlich der Winterfahrplan – und der Hurricane Turn Train fährt nur am ersten Donnerstag des Monats einmal bis zur Hurricane Bridge und zurück nach Anchorage.  Wir fragten am Abend zuvor die Locals, ob man auf dem Weg zum Bahnhof noch Bages erstehen könne. Es wurde nämlich dringend angeraten, sich etwas mitzunehmen. Die Gastronomie in diesem Winterzug war außer Betrieb. Die mussten richtig überlegen. „Bagels are sooooo EastCoast!“ Ein Satz, der mir heute noch ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Wir sind also gut gerüstet zum Bahnhof: Mit Bloody Mary im Gepäck, Besteck und Broten, Bagles, Obst und Kameras, Wasser und Pfefferminz. Jetzt mussten wir nur noch Tickets bekommen. Die Dame am Schalter erfreute sich an der Chance, mal wieder Deutsch zu sprechen und buchte uns auch nach einem Pläuschchen zwei Sitze mit genügend Beinfreiheit. Als kultig wurde uns die Fahrt angekündigt, als schräg. Und als voll.  🙂

Bis Wasilla war es noch relativ ruhig. Bis auf eine Frauentrio – Mutter mit zwei Töchtern, die Mutters Bucket List abarbeiteten – und das auch alle im Abteil wissen ließen.

Als wir in Wasilla einen ganze Schulklasse ähnlich aussehender Teenies im Zug aufnahmen, meldeten sich ehemaliger Bewohner dieser Stadt zu Wort. Hielten einen Vortrag über die verpassten  Arzttermine, wenn man das Pech hatte, vor der Schranke warten zu müssen, wenn der Zug so lange steht. Auf dem Weg nach Talkeetna war dann reges Gerenne der Jugendlichen Richtung Panoramawagen. Dort hatte der Schaffner sich einen Nebenerwerb orgnaisiert und verkaufte Wasser und Snacks für je einen Dollar. Wir gönnten uns derweil mal einen „Tomatensaft“. 🙂

Gary, der Schaffner, hatte zwei Fenster offen stehen lassen – damit die Fotoverrrückten ihre Bilder schießen können. Es gab so manche – und in dem Verbindungsstück zwischen den beiden Waggons kamen sie sich dann näher. Wenn Köpfe und Kameras aus dem Bummelzug ragten, um den grauen, heulenden Himmel und die triefend nasse Herbstlandschaft zu knipsen. Man, war das dunkel, nass und kontrastfrei. Furchtbar. Und wieder kein Elch. Gary erklärte, dass die Tiere alle Angst vor dem Zug hätten – und kaum, dass sie ihn hörten,  ergriffen sie die Flucht.

Auf dieser Strecke hätten wir das erste Mal den Denali sehen können sollen. Wäre da nicht die geschlossene Wolkendecke gewesen. Noch aber hatte wir die Rückfahrt vor uns. Die Hoffnung….   etc.

In Talkeetna spuckte der Zug die Jugendlichen aus – für ein paar Stunden. Und dann änderte er seine Funktion. Von Talkeetna aus verläuft die Bahnlinie entlang der Serpentinen des Susitna Flusses. An klaren Tagen bieten sich hier Blicke über den Fluss und viele Möglichkeiten für Fotos. Wie schon gesagt: an KLAREN Tagen. Von Talkeetna bis Hurricane betreibt die Alaska Railroad einen der letzten Flaggenzüge Amerikas. In dieser Gegend gibt es einige abgelegene Cabins und alte Gehöfte, die nur mit der Alaska Railroad erreichbar sind, zu denen man viele Kilometer weit wandern oder in den Wintermonaten mit dem Motorschlitten fahren muss. Auf der 55 Meilen langen „Haltestelle“ zwischen Talkeetna und Hurricane können Outdoor-Abenteurer überall aussteigen und den Zug anhalten, indem sie mit einer Fahne (Handtuch, Hemd etc.) in der Nähe der Strecke stehen. 20171005_155422-2.jpeg

An dem Tag hielt der Zug acht Mal an. Beim ersten Mal stieg eine Familie zu. Im Nachbarwaggon sammelten sich Menschen, tranken gemeinsam, aßen Kuchen und Sandwiches, Salate, hatten Spaß, kannten sich offensichtlich. Und hatten sich zu einem Treffen der besonderen Art versammelt.  Diese Menschen verließen tatsächlich auf dem Rückweg wieder an der selben Stelle  den Zug, um gestärkt und bespaßt wieder in ihre Domizile zu verschwinden. Bei Temperaturen um die fünf Grad Celsius – eine Entscheidung.

IMG-20171005-WA0009.jpgDiese Zugfahrt scheint aber für viele einfach etwas Besonderes zu sein. Als wir die Hurricane Gulch Bridge erreichten, öffnete der Schaffner für die ganz Mutigen im noch letzten für die Rückfahrt ersten Waggon die Türen nach rechts und links. Das war der Point of Return. Auf dieser Brücke wechselte der Lokführer zur zweiten Zugmaschine, der er bislang hinter sich hergezogen hatte.

Der Weg gen Süden war somit wieder frei. Ein paar sehr persönliche Geschichten wurden noch zum Besten gegeben, einige dabei beobachtet, wie sie Hab und Gut in die Wälder schaffen. Eine Dame wanderte mit einer riesigen Dose selbst gebackener Kekse durch den Zug und bot sie allen Fahrgästen zum Verzehr an. Die nächste häkelte Handschuhe. Die ersten machten schon ein Nickerchen. In Talkeetna strömten die Jugendlichen wieder in den Zug.  Heller wurde es auch nicht mehr. Und zwölf Stunden nach Abfahrt landeten wir tatsächlich wieder in Anchorage gelandet. Ohne Denali gesehen zu haben, aber zwei Elche auf der Flucht vor dem Zug wurden noch gesichtet.

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Am Abend gab es von den Gastgebern selbstgefangenen und selbst gegrillten Lachs. Mmmmmmhhhhh. Und dann eine Nacht mit Ausschlafen am Ende. Auch wenn es der Abreisetag sein sollte – so war es noch nicht das Ende der Abenteuer. Da ging uns nämlich endlich (ein) Licht auf. 🙂

~ von ullakeienburg - 9. Oktober 2017.

Eine Antwort to “Weather Report – Ausgerechnet Alaska (6) – Hurricane Turn Train”

  1. Ein wunderbarer Trip – so richtig zum Miterleben!

    G. l. G. Jochen

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