Gefährliche Verführbarkeit

In unseren Landen macht sich eine Stimmung breit, eine Fehlervermeidungskultur, eine Angstkultur. Aus was für Gründen auch immer wird extrem reguliert, kontrolliert, damit die Kontrolleure sich und ihre Auftraggeber sichern können.

bitte ruhig verhalten

„Stille Unterordnung unter Willkür schwächt, stille Unterordnung unter Notwendigkeit stärkt.“ Jean Paul

Als ich am Montag meine Wahlunterlagen und auch die für meinen Sohn beim Amt abholen wollte, scherzte ich. Mal wieder.

„Muss ich nicht noch irgendwas unterschreiben, mit dem Sie sich selbst absichern?“ fragte ich, sicherlich etwas zynisch aber scherzhaft. Hatte ich doch in den letzten Wochen so oft Kontrollen über mich und meinen Sohn ergehen lassen müssen mit der Begründung: „Wir wollen doch nur prüfen, ob sie nicht ggf. zu den Missbrauchern von Sozialleistungen gehören!“

„Oh, wo Sie es gerade sagen!“ antwortet die wirklich nette Beamtin. „Ich komme in Teufels Küche, wenn Sie mir das nicht unterschreiben.“ und schiebt mir einen schwarzweißen Vordruck über den Tresen. „Wir wollen Wahlbetrug ausschließen. Und deshalb müssen Sie bestätigen, dass Sie für nicht mehr als fünf Menschen als Betreuerin die Wahlunterlagen verantworten.“ Wow, dachte ich nur.

Zehn Minuten später. Beim Antrag des Reisepasses habe ich dann meine Frage modifiziert: „Und? Haben Sie vielleicht auch noch ein Formular, dass ich Ihnen unterschreiben muss, damit Sie auch auf der sicheren Seite sind?“  „Ach ja!“ sagt sie. „Sie müssen mir bestätigen, dass Sie keine weitere Staatsangehörigkeit beantragt haben.“ Volltreffer. dachte ich nur.

Warum ich das erzähle?

Weil mir an diesem Gedenktag heute wieder klar wird, was eine Angstkultur bewirkt. Was Gefolgschaft und Verleugnung erzeugen, und welche Grausamkeiten gegen Menschen unternommen werden. Und dazu muss man offensichtlich nicht  ausschließlich einer bestimmten Nationalität angehören. Es reicht, wenn ich Mensch bin – dem Angst und Bange wird, wenn der Konsum über die Humanität, wenn Gehorsam über Denken, wenn Sicherheit über Lebensqualität gestellt wird. Und – ich gebe zu – gerade an Tagen wie diesen bin ich froh, dass ich mit meinem Sohn in diesen Zeiten und in diesem Land hier lebe. Wie lange aber kann ich mir noch sicher sein, dass aus dem Verdacht des „Missbrauch der Zuwendungen wegen seiner Behinderung“ nicht irgendwann wieder die Konnotation „Ballastexistenz“ wird? Mir graut es vor diesen Gedanken.

Ich habe meine Fingerabdrücke hinterlassen – vom linken und vom rechten Zeigefinger. Für den neuen Pass. Ohne zu wissen, was sie je daraus schließen werden, außer dass ich ich bin.

Ich habe meine Kreuzchen für die Senatswahl gemacht. Ohne wirklich zu wissen, was deren eigentliche Agenda ist.

Herzlich willkommen in einer Republik, in einer Welt, deren Politiker mit ihrem Misstrauen Menschen zwingt, andere Menschen zu fürchten.

Um mein Gemüt zu beruhigen, mir mein Vertrauen in mich selbst und mein Umfeld zu erhalten, lausche ich mal Giora Feidman.

~ von ullakeienburg - 27. Januar 2015.

4 Antworten to “Gefährliche Verführbarkeit”

  1. Liebe Irmtraud, ja, das geht mit Giora Feidman. 🙂 LG Ulla

  2. Danke Herr Weinle, war ich doch gerade heute in Sachen Beratung unterwegs – und mich erreichte Ihr Kommentar auf dem Weg dahin. Wie gut das passt – daachte ich nur. Ich danke Ihnen. Ja, ja, die Norm!! ISO 9000. Grauselig verrauschend. LG Ulla Keienburg

  3. Danke für Giora Feidmann und für den Text! Das macht dann doch wieder Mut und lüftet die dunkle Seite der Angst!

  4. Ja, Frau Kreienburg, da will ich Ihnen zustimmen.
    Es war eine verrücktes, grausliches Gefühl als ich vor etwa 15 Jahren während eines Urlaubs Ausschwitz besichtigte. Ich arbeitete damals in einer Firma, die in diesen Tagen mit ISO 9000 zugange war.
    Wie ich dann die ausgestellte Dokumentation, die exakten Aufzeichnungen Listen in den Ausschwitz-Büros sah, hatte ich – ob ich wollte oder nicht – nur noch einen Gedanken: „Ausschwitz hätte vom Stand weg die Zertifizierung zu ISO 9000“.
    Viel Bürokratie und Regelung dient nicht dazu etwas möglich zu machen, zu helfen sondern vielmehr dazu, das Wesentliche zu verstecken, zu verrauschen.
    Bleiben Sie bitte „frech“ und fragen Sie auch weiter nach…
    Herzliche Grüße
    Dieter Weinle

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